Ich lebe auf dem Land in Niederbayern. Dort schaut es seit Jahren gleich aus. Aufträge und Arbeit gibt es wie Sand am Meer in bestimmten Branchen und wenn es darum geht, die großen Erfolge der Unternehmer zu feiern, sind die schnell da, die Herren von der bayrischen Staatsregierung.
Nur wie schaut es eigentlich hinter dieser rosigen Erfolgsgeschichte Bayern aus?
Ich kenne ein paar Leiharbeiter aus der Gegend und höre mir schon seit Jahren deren Geschichten an. Und es ist schon fast egal, welche Leiharbeitsfirma und welcher Betrieb sich dessen bedient, es ist immer das Gleiche.
Grundsätzlich braucht keiner mehr glauben, was ihnen die Arbeitgeber versprechen. Denn sie lügen immer. Die einzigen halbwegs aufrichtigen Chefs sind die, die dem Leiharbeiter von Anfang an sagen: vergiss eine Festanstellung! Hier wird nicht mehr eingestellt, nur weiter abgebaut.
Aber so ehrliche Arbeitgeber finden wir in Bayern nur selten. So gut wie alle behaupten, dass eine Festanstellung winken könnte, wenn der Leiharbeiter nur absolut zuverlässig und gut arbeitet. Diese Aussicht motiviert allerdings nur noch wenige. Seit Jahren wird die immer gleiche Nummer durchgezogen, sodass eigentlich jeder weiß, dass er nur ausgebeutet wird. Auch weiß inzwischen jeder, dass er, wenn er nicht mehr gebraucht wird, oder die Zeit einer Festanstellung ansteht, von heute auf morgen woanders hin versetzt wird.
Da die Arge jeden, der kündigt, mit Sperrung bestraft, kann man sich eh nicht wehren. Auch ein Wechsel zwischen den zahlreichen Leiharbeitsfirmen lohnt nur selten. Die meisten zahlen gleich schlecht und kennen keine Gnade, wenn es um ihre ganz eigenen Interessen geht.
Recht auf Freizeit? Vergesst es. Über Leiharbeiter wird verfügt wie über Sklaven. Du hast zu springen, wenn der Anruf kommt. Und wenn du nicht ans Telefon gehst, stehen sie vor der Tür, wenn sie dich urplötzlich brauchen, weil irgendwo jemand ausgefallen ist.
Komm, huschhusch, anziehen und los. Du musst sofort zu BMW.
Wohin?
Nach München zur Nachtschicht.
Aber ich komme doch gerade aus der Frühschicht und bin fertig.
Du hast ja zwei Stunden Fahrt, da kannste dich ausruhen!
Und meine Arbeitnehmerrechte?
Welche Rechte? Du kannst höchstens Ärger bekommen, wenn du nicht spurst!
Der Ärger sieht in der Regel so aus: Fristlose Kündigung wegen Arbeitsverweigerung und Beschwerde bei der zuständigen Arbeitsagentur. Dazu das Versprechen, dass sämtliche anderen Firmen im Umkreis von 200 Kilometer erfahren, was du für einer bist.
Das funktioniert. Leiharbeiter verdienen hier zwischen 5 und 8 Euro brutto. Frauen bei gleicher Arbeit immer etwa 1.50 weniger. Sind ja nur Frauen. Die, die Miete, Auto und noch dazu Familie haben, haben keinerlei Luft, um Phasen ohne Einkommen zu überbrücken. Wer nichts hat, und dann noch erpresst wird, gibt meistens nach. Klagen verlaufen oft im Sand und sind für denjenigen, der auf dem Land lebt eine Katastrophe. Denn hier sind Unternehmen nicht zimperlich. Gerade in bestimmten Branchen gibt es die rote Liste. Und wer da drauf steht, kann einpacken.
Im Endeffekt heißt das nämlich wegziehen müssen oder täglich noch weitere Strecken zu irgendwelchen Firmen fahren müssen. Wer um fünf Uhr morgens die Frühschicht antreten und dann über eine Stunde fahren muss, weiß, warum er besser das Maul hält und die Schikanen über sich ergehen lässt...
Urlaub: Urlaub gibts nur, wenn keine Arbeit da ist. Das ist meist Januar bis Ende Februar. Da verbrät man den minimalen Jahresurlaub und die aufgezwungenen Überstunden.
Aufgezwungen? Ja aufgezwungen. Leiharbeiter haben offiziell nur die 35-Stunden Woche. Aber sie arbeiten oft täglich mehr als 10 Stunden und dazu auch noch an Samstagen. Zumindest in den Zeiten, wo es nur noch so an Aufträgen hagelt. Egal, was der Leiharbeiter ausgemacht hat, Termine, Fahrten, Privates... Egal. Wenn die Firma sagt, du hast zu kommen und mehr zu arbeiten, hast du zu kommen... dazu darfst du noch all die Kollegen aus teils weit entfernten Dörfern abholen, die keinen Führerschein oder kein Auto haben. Auch Kranke werden genötigt zu kommen... mit drohender Entlassung, was dem Leumund schadet und neuen Stress bedeutet.
Viele Leiharbeiter sind nicht mehr motiviert. Alleine die Ungleichbehandlung in den teils sittenwidrigen Betrieben ist für viele kaum zu ertragen. Waren die meisten der jetzigen Leiharbeiter vor der Entlassung in Festanstellungen mit sowas wie Würde und Rechten gesegnet, kann es passieren, dass sie jetzt in der gleichen Firma, die sie entlassen hat, arbeiten müssen und der letzte Dreck sind.
Leiharbeiter werden tatsächlich von vielen Festangestellten wie Untermenschen behandelt. Denn alle wissen, dass sie sich nur beschweren brauchen und der dann echt existenziellen Ärger bekommen kann. Niemand ist so erpressbar wie Menschen, die automatisch in Hartz4 landen. Und wie die Arge die Menschen hier behandelt, ist abscheulich.
Schlimm ist auch, dass die Leiharbeitsfirmen dann auch noch ihre Versammlungen abhalten, wo dann ihre Arbeiter an ihren freien Samstagen den ganzen Tag rumhocken müssen und sich der ihren Zahlenschmarrn anhören müssen.
Vorhin bekam ich gerade von einem ebensolchen Betroffenen folgendes dazu zu hören:
Er hat eine extrem schwere Arbeitswoche hinter sich und läuft auf dem Zahnfleisch. Vollkommen ausgepowert. Kurz vor Arbeitsende bekam er die Mitteilung, dass er morgen am Samstag zu einer Betriebsversammlung erscheinen soll, die 80 Kilometer von hier weg ist. Als er sagte, dass er fertig ist und gar nicht einsieht, schon wieder einen freien Tag zu vergeuden, den er, der Leiharbeiter im Schichtdienst, für Erholung braucht, hieß es: Wenn Sie nicht kommen, stellen wir Ihnen den Tag in Rechnung, weil schließlich Räume gemietet worden sind und Referenden bezahlt würden. Für die Kosten müsste er anteilig zahlen, wenn er nicht kommt. Und achja: Auch das Fahrgeld bekommt er nicht. Aber das sowieso nicht. Das ist sein Privatvergnügen...
He gehts noch? Der Mann wird 55, hat sein ganzes Leben hart gearbeitet und wird seit Jahren von einer Leiharbeitsfirma und von einem Betrieb zum nächsten geschickt. Der kann alles, weil er überall eingesetzt wurde. Immer körperlich schwerste Arbeit, die zudem meist noch verdammt viel Wissen erfordert und gefährlich ist.
Leute wie er sind Alleskönner. Echte Perlen, die sich überall auskennen und ein Durchhaltevermögen haben, wo selbst junge Sportler nicht mithalten. Und dann darf dieser Mann sich nicht mal am Wochenende nach einer Katastrophenwoche ausruhen, sondern muss 100 Euro Strafe zahlen, wenn er nicht kommt? Diesem Mann tun 100 Euro verdammt weh, weil er mit dem Cent rechnen muss. Und da kommen solche Drecksverbrecher von bayrischen Zeitarbeitsfirmen daher und wagen es, auch noch frech zu werden??? Gut, er geht morgen nicht hin und wird einen Anwalt einschalten, denn es reicht ihm. Guter Mann!
Ich weiß nicht, ob es nur in Bayern so extrem asozial mit den Leiharbeitern abläuft. Aber mich wundert nicht, dass Bayern im Vergleich zu anderen Bundesländern so derart gut dasteht. Die CSUler lügen wie gedruckt, wenn es darum geht, alles zu beschönigen und wie gut es den Leute doch ginge. Einen Scheiß gehts denen gut, die die Arbeit machen und Null Perspektive haben, aus diesem Elend je wieder rauszukommen.
Eins ist klar: Die Sklaven bei den alten Griechen hatten es besser...